Viele Kinder „fremdeln“ in Situationen, die ihnen unbekannt sind, ziehen sich von Personen zurück, die sie nicht kennen. Erst wenn Kinder – durch längeres Hinsehen und intensives Beobachten – ein Vertrauen aufgebaut haben, dann trauen sie sich, suchen die Nähe. Kinder entwickeln vom sechsten Lebensmonat an, manchmal früher, manchmal später, die Fähigkeit, zwischen vertrauten und nichtvertrauten Personen zu unterscheiden.

Kinder fremdeln„Wenn Kinder fremdeln. Woher kommt das bloß?“

Sie kenne ihre Lucia, die wäre jetzt zwölf Monate alt, gar nicht wieder: „Sie strahlte früher, wenn sie andere Menschen sah, turnte mit ihnen rum.“ Lucias Mutter schaut nachdenklich: „Aber so seit etwa acht Wochen kommt sie zu mir, wenn sie fremde Personen sieht, schaut ganz ängstlich drein.“ Sie überlegt: „Erst nach einiger Zeit geht sie dann vorsichtig auf sie zu!“

Bei seinem vierjährigen Michael könne er etwas Ähnliches beobachten, erklärt sein Vater. Wenn der in eine neue, ihm nicht vertraute Umgebung käme, dann „wird der richtig starr, rührt sich nicht vom Fleck, sucht die Nähe meiner Frau oder klammert sich an mein Bein.“ Als der in den Kindergarten gekommen wäre, „da ist er in den ersten Wochen kaum in den Raum gegangen, ist praktisch an der Tür stehen geblieben.“ Erst nach Wochen habe er es gewagt, den Kindergarten zu erkunden. Das wäre generell so, „Unbekanntes macht ihn irgendwie unsicher. Dabei ist er im Hause ein richtiger Wirbelwind.“

Manche Eltern machen eine Erfahrung, die sie irritiert. Viele Kinder „fremdeln“ in Situationen, die ihnen unbekannt sind, ziehen sich von Personen zurück, die sie nicht kennen. Erst wenn Kinder – durch längeres Hinsehen und intensives Beobachten – ein Vertrauen aufgebaut haben, dann trauen sie sich, suchen die Nähe. Kinder entwickeln vom sechsten Lebensmonat an, manchmal früher, manchmal später, die Fähigkeit, zwischen vertrauten und nichtvertrauten Personen zu unterscheiden.

Fremdeln – die Achtmonatsangst

Deshalb bezeichnen manche Pädagogen oder Psychologen das Fremdeln auch als „Achtmonatsangst“. Allmählich zwischen bekannten und nichtbekannten Personen zu unterscheiden, gründet auf eine Verfeinerung der Sinneswahrnehmung und stellt einen wichtigen Reifeschritt dar, der das Kind in seiner Entwicklung begleitet. Das „Fremdeln“ stellt sich allerdings von Kind zu Kind höchst unterschiedlich dar: ein Kind „fremdelt“ mehr, ein anderes weniger, ein Kind „taut“ schneller auf, ein anderes braucht mehr Zeit.

Kinder erwerben ein Bewusstsein für gewohnte Umgebungen. Es lächelt nicht mehr – so wie in den ersten Lebensmonaten – jeden an. Es schaut skeptisch drein, wenn Neues, Unbekanntes auf den Plan kommt. Das Kind lernt – und das ist eine wichtige Erfahrung für das Leben – zu unterscheiden. Da gibt es Personen, die einem vertraut sind, weil das Kind diese täglich und regelmäßig erlebt, die Halt, Orientierung und Verlässlichkeit bieten. Solchen Menschen vertraut das Kind bedingungslos. Sie geben Schutz, garantieren das gefühlsmäßige Überleben.

Bei unbekannten Menschen „fremdelt“ das Kind, wenn diese ihm zu nahe kommen, den Wunsch nach Distanz nicht respektieren. Das gilt auch für nicht vertraute Situationen: sei es der Besuch in Wohnungen, die das Kind nicht kennt, sei es der Kindergarten oder die Schule.

Kinder brauchen eine Aufwärmphase, sie bestimmen das Tempo der Annäherung zu unbekannten Personen. Bleiben diese auf Distanz, dann ergreifen Kinder irgendwann die Initiative: Sie suchen den Blickkontakt, sie lächeln, sie machen spielerische Annäherungsversuche, sie kriechen hin, manchmal suchen sie, wenn die Personen ihnen vertrauter geworden sind, Körperkontakt.

Eltern haben diese Entwicklungsphase unbedingt zu respektieren, denn wenn Kinder nicht jedem die Hand geben, nicht sofort freundlich und nett sind, schützen sie sich. Ihr Körper und ihr Instinkt signalisieren ihnen ein Nein, eine Distanz. Aus einer sicheren Entfernung heraus verschaffen sie sich einen verlässlichen Standpunkt, von dem aus sie selbstbestimmtes Neugierverhalten ausprobieren. Wenn Kinder in ihrem Schutzverhalten bestärkt werden, können sie auch in Situationen, in denen Eltern nicht anwesend sind, über einen wichtigen Selbstbehauptungs- und Überlebensmechanismus verfügen. Eltern, die aus falschverstandener Höflichkeit gegenüber Verwandten, Bekannten oder befreundeten Menschen das Nein des Kindes zu anderen Personen (oder anders ausgedrückt: Das Ja zu sich und der eigenen körperlichen Unversehrtheit) mit emotionalem Druck unterlaufen, verunsichern ihre Kinder. Denn sie können noch nicht recht zwischen vertrautem „Guten“ und unvertrautem „Bösen“ unterscheiden. Für Kinder sind unvertraute Menschen zunächst Feinde, denen sie mit Skepsis und Distanz begegnen müssen.

Das gleiche gilt natürlich für Situationen und Räume, mit denen das Kind keine oder nur unzureichende Erfahrungen hat: da ist der Kindergarten mit den vielen Gleichaltrigen, da ist ein Gewusel, ein Lärmpegel, da sind Erzieherinnen, die man nicht kennt und erst aus der sicheren Entfernung in Augenschein nimmt.

 

Fremdeln bedeutet Eingewöhnen

Und hat man dann den Kindergarten überstanden, geht das „Theater“ in der Schule von vorne los. Wieder gilt es, sich einzugewöhnen, Vertrauen zu sich und zu anderen aufzubauen. Manchen Kindern gelingt das schneller, andere brauchen mehr Zeit, manchmal Wochen, sogar Monate. „Fremdeln“ Kinder, dann brauchen sie emotionale Unterstützung. Sätze wie „Du brauchst doch keine Angst zu haben“ oder „Nun stell dich mal nicht so an“, sind nicht nur kontraproduktiv, sie lassen Kinder allein, lassen sie hilflos zurück.

Bei ihrem achtjährigen Oliver beobachtete sie „etwas Merkwürdiges“, erzählt seine Mutter: „Der hat früher stark gefremdelt!“ Dann wäre das aber vorübergegangen: „Aber seit ein paar Monaten ist das wieder da! Ganz stark sogar!“ Sie dürfe nirgendwo mehr hin: „Der fragt ständig, wann ich wieder zu Hause wäre. Oder der ruft mich wiederholt auf dem Handy an und bittet darum, nach Hause zu kommen!“ Sie schüttelt den Kopf: „Ist das noch normal?“ So wie die „Achtmonatsangst“ auf einen wichtigen Entwicklungsschritt hinweist, so stellt die „Achtjahresangst“, wie sie bei Oliver zu beobachten ist, einen ähnlichen Reifeschritt dar. Etwa ab dem siebten, achten Lebensjahr machen sich die Kinder auf den Weg in die Welt. Das ist mit Abschied und Trennung aus vertrauten Zusammenhängen verbunden. So wie das Hänschen im Lied mit Stock und Hut hinauszieht, weil beides Halt verspricht, so brauchen Kinder das Gefühl, dass sie, wenn sie ausziehen, gern gesehene Gäste sind, wenn sie denn als Hans, als Kinder, die eigenständige Erfahrungen gemacht haben, zurückkommen.

Nun wenn man um den Hafen weiß, den man anlaufen kann, wenn die Stürme toben, kann man sich befreit und selbstsicher auf den Weg machen. Und dieser Hafen sind die Eltern, die das Gefühl vermitteln, immer da zu sein. „Achtjahresängste“ weisen mithin auf einen bedeutsamen Entwicklungsschritt hin: Das Kind ist bereit, den sicheren Hafen zu verlassen, braucht diesen aber noch. Deshalb die ständigen Vergewisserungen, von denen Olivers Mutter berichtet.

Ihr Michael habe nie „gefremdelt“, weder früher, noch heute im Kindergarten: „Der ist jetzt knapp sechs und schmeißt sich jedem an den Hals.“ Der wäre völlig distanzlos. „Das macht mir richtig Angst!“ Diese Mutter hat Recht. Distanzlose Kinder sind häufig schutzlose Kinder.

Distanzlosigkeit kann sich auch aus ungünstigen Lebensumständen während des ersten Lebensjahres ergeben: z.B. eine krankheitsbedingte längere Abwesenheit des Kindes von der Familie; Tod und Trennung von der Mutter; ständig wechselnde Bezugspersonen etc. Bauen Kinder in den ersten Lebensmonaten keine feste Bindung auf, sind sie nicht eingebunden in ein verlässliches Koordinatensystem, dann können Distanzlosigkeit und fehlendes Körperbewusstsein die Folge sein.

Fremdeln vs. Distanzlosigkeit

Vertrauensseligkeit – wie bei Michael – ist häufig ein Hinweis auf fehlendes Urvertrauen. Er praktiziert Distanzlosigkeit, das heißt ein Gemenge aus unkritischer, meist kurzzeitig oberflächlicher Bindung. Dahinter steckt nicht Eigenständigkeit oder gar Selbstbewusstsein, dahinter verbergen sich unbefriedigte Geborgenheitsbedürfnisse. Das Kind ist sich seiner Bindung zu Personen nicht sicher: Es hat die Befürchtung, dass es verlassen wird. So erzwingt es durch ständige Provokationen Aufmerksamkeit. Oder es nötigt seine Bezugspersonen durch ständiges Nörgeln, Unzufriedensein, durch quengelige Weinerlichkeit in einen Machtkampf.

Für distanzlose Kinder sind alle Menschen gleich fern bzw. gleich nah. Da Kinder ohne Bindung nicht leben können, vielmehr emotional verwahrlosen würden, gehen sie ohne Distanz auf jeden Erwachsenen und auch auf Kinder zu. Sie werfen sich ihnen – im wahrsten Sinne des Wortes – an den Hals, kriechen auf ihre Schöße, klammern sich an jeden Rock- und Hosenzipfel, den sie fassen können. Und werden sie von einer Person abgewiesen, dann steht schon die nächste als Klammerobjekt bereit.

Diesen Kindern fehlt es meist an Selbstwertgefühl. Sie verfügen zudem nicht über ein körperliches oder sexuelles Selbstbewusstsein, sind mithin in erheblichem Maße missbrauchsgefährdet, können ihre Anlehnungs- und Sicherheitsbedürfnisse doch jederzeit zum körperlichen und seelischen Schaden des Kindes ausgenutzt werden.

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2 Kommentare

  1. Welches Buch bzw. welchen Ratgeber kann ich bei Distanzlosigkeit lesen?
    Genau das habe ich bei meinem Kind. Er kennt keine Scheu. Geht zu jedem usw.
    Freue mich auf Antwort

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